Sturm bei blauem Himmel: Mistral und Tramontane peitschen das westliche Mittelmeer
Wer bei Sturm an dunkle Wolken, Starkregen und Gewitter denkt, übersieht eine der gefährlichsten Windlagen des Mittelmeerraums. Mistral und Tramontane können bei fast wolkenlosem Himmel auftreten – trocken, böig und über viele Stunden hinweg.
Genau eine solche Lage prägt am Donnerstag, 17. September, Teile des westlichen Mittelmeers. Météo-France meldet für den französischen Mittelmeerraum weiterhin kräftigen Mistral und Tramontane. Gleichzeitig führt der spanische Wetterdienst AEMET für das Seegebiet Provence West- bis Nordwestwind der Stärke 7. Die Warnung reicht nach aktuellem Stand bis Donnerstagabend, 20 UTC.
Beaufort 7: Auf See bereits eine ernsthafte Windlage
Windstärke 7 nach Beaufort entspricht einem steifen Wind. Auf offener See bilden sich dann grosse Wellen mit verwehter Gischt, und kleinere Wasserfahrzeuge geraten rasch in schwierige Bedingungen. Entscheidend ist dabei nicht nur die mittlere Windgeschwindigkeit: In einer Mistrallage können Böen deutlich stärker ausfallen als der gemittelte Wind.
Météo-France beschreibt den Mistral grundsätzlich als trockenen und turbulenten Regionalwind, der im Mittel um 50 km/h erreichen und in Böen häufig 80 bis 100 km/h, vereinzelt auch mehr, schaffen kann. Diese Werte beschreiben das typische Potenzial des Mistrals – sie sind nicht automatisch als heute gemessene Spitzenböen zu verstehen.
Warum der Wind gerade hier so stark beschleunigt
Der Mistral entsteht, wenn sich ein Druckgefälle zwischen höherem Luftdruck westlich oder nordwestlich der Alpen und tieferem Luftdruck im Bereich des Golfs von Genua aufbaut. Die Luft wird durch das Rhônetal nach Süden kanalisiert und beschleunigt dabei ähnlich wie Wasser in einer Engstelle.
Weiter westlich wirkt die Tramontane nach einem ähnlichen Prinzip. Sie greift vor allem zwischen den südfranzösischen Gebirgen und dem Golf von Lion durch. Beide Winde treten häufig gleichzeitig auf und können das westliche Mittelmeer auf grosser Fläche innerhalb kurzer Zeit aufrauen.
Das Ungewöhnliche: Sturmgefahr trotz Sonnenschein
Für Reisende ist genau das die Falle. Ein tiefblauer Himmel vermittelt Ruhe, obwohl auf exponierten Küstenstrassen, Brücken, Pässen und freien Flächen kräftige Seitenböen auftreten können. Motorräder, Wohnmobile, Lieferwagen und Fahrzeuge mit Dachaufbauten reagieren besonders empfindlich auf plötzliche Windstösse.
An der Küste kommt die See hinzu. Brandung, Gischt und überraschend starke Böen können auf Molen, Felsen und ungeschützten Promenaden gefährlich werden. Wer aufs Wasser will, sollte sich ausschliesslich an den aktuellen amtlichen Küsten- und Seewarnungen orientieren.
Nach dem trockenen Sommer wird Wind zusätzlich zum Brandfaktor
Die aktuelle Lage hat noch eine zweite Dimension. Météo-France meldet für Frankreich eine für Mitte September aussergewöhnlich ausgeprägte Bodentrockenheit. Im Département Aude wurde im September erstmals seit Einführung der französischen Waldbrand-Wetterkarte die höchste Gefahrenstufe Rot aktiviert.
Starker Mistral und Tramontane sind bei trockener Vegetation besonders problematisch. Der Wind trocknet Pflanzen zusätzlich aus und kann ein bestehendes Feuer sehr rasch antreiben. Météo-France weist ausdrücklich darauf hin, dass kräftige Böen Glut und brennendes Material über grössere Distanzen transportieren und damit neue Brandherde begünstigen können.
Keine klassische Unwetterfront – aber trotzdem ernst zu nehmen
Die heutige Lage ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, warum Sturmwarnungen nicht nur bei Gewittern oder Tiefdruckstürmen wichtig sind. Im Süden Frankreichs kann ein regionaler Wind bei Sonnenschein eine sehr reale Gefahr darstellen – auf dem Meer, auf exponierten Verkehrswegen und in ausgetrockneten Landschaften.
Für Donnerstag gilt daher: Blauer Himmel ist im Mistralgebiet kein Entwarnungssignal. Wer sich im Raum Provence, Golf von Lion oder an der südfranzösischen Mittelmeerküste aufhält, sollte lokale Windangaben und amtliche Marinewarnungen im Blick behalten und exponierte Situationen bei starken Böen vermeiden.