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Sturm & WindSturmwarnung Redaktion

Föhnsturm in der Schweiz: Warum Böen über 100 km/h möglich sind

Föhn gehört zu den markantesten Wetterphänomenen der Schweiz. In einem Tal kann die Luft mild, trocken und erstaunlich klar sein, während auf der anderen Seite des Alpenkamms Wolken und Niederschlag hängen. Gleichzeitig kann der Wind in einzelnen Alpentälern innerhalb kurzer Distanz stark beschleunigen. Dann wird aus einem typischen Föhntag eine Lage, bei der heftige Böen zum eigentlichen Wetterthema werden.

Wichtig ist die Einordnung: Dieser Artikel ist keine aktuelle amtliche Sturmwarnung. Er erklärt, weshalb Föhn in der Schweiz lokal Sturmstärke erreichen kann, welche Gebiete dafür besonders anfällig sind und worauf man im Alltag achten sollte.

Warum der Wind im Tal plötzlich so stark wird

Föhn entsteht, wenn Luft über den Alpenkamm hinwegströmt. Bei Südföhn liegt auf der Alpensüdseite häufig die feuchtere Stauseite, während die Luft nördlich des Hauptkamms absinkt, trockener wird und sich erwärmt. Bei Nordföhn läuft der Prozess in umgekehrter Richtung: Dann liegt die kräftigste trockene Fallströmung oft auf der Alpensüdseite.

Die hohe Geschwindigkeit lässt sich nicht nur mit dem Überströmen des Gebirges erklären. Die Alpen wirken wie ein komplexes System aus Pässen, Engstellen und Tälern. Strömungen können unter anderem durch den Gotthardraum ins Reusstal, durch den San-Bernardino-Raum ins Rheintal oder über den Simplon ins Rhonetal kanalisiert werden. Wird die Luft in solchen Querschnitten gebündelt und hangabwärts beschleunigt, kann der Wind im Tal wesentlich stärker werden als ausserhalb dieser Korridore.

💨Föhnsturm kompakt

  • Über 100 km/h sind lokal möglich: Bei starkem Föhn können exponierte Lagen und einzelne Talachsen Böen um oder über 100 km/h erreichen.
  • Talform verstärkt den Wind: Pässe, Engstellen und längs ausgerichtete Alpentäler können die Strömung zusätzlich beschleunigen.
  • Seitenwind ist entscheidend: Auf Brücken, offenen Talabschnitten und bei Wohnwagen oder hohen Fahrzeugen können einzelne Böen deutlich stärker wirken als der mittlere Wind.
  • Im Gebirge zählt die Exposition: Grate, Passhöhen und Seilbahntrassen können viel stärker betroffen sein als geschützte Talorte.

Südföhn und Nordföhn sind nicht dasselbe

Beim klassischen Südföhn sind vor allem die Alpennordseite und inneralpine Täler im Fokus. Typische Föhnkorridore finden sich etwa im Reusstal, im Haslital, im Glarnerland, im Rheintal oder im Rhonetal. Welche Täler tatsächlich betroffen sind, hängt von Windrichtung, Druckverteilung, Stabilität der Luft und der genauen Höhenströmung ab.

Nordföhn betrifft dagegen besonders die Alpensüdseite und kann dort sehr kräftig ausfallen. Entscheidend ist die Böigkeit: Einzelne Spitzen liegen deutlich über der mittleren Windgeschwindigkeit. Deshalb kann eine auf den ersten Blick überschaubare Grundströmung in exponierten Lagen, an Talausgängen oder auf Passhöhen plötzlich sehr unangenehm oder gefährlich werden.

Der Föhndurchbruch kann abrupt kommen

Eine Besonderheit ist der sogenannte Föhndurchbruch. In manchen Tälern liegt zunächst noch kalte, schwere Luft am Boden. Darüber rauscht bereits die Föhnströmung. Wird diese Kaltluftschicht erodiert oder die Föhnströmung stärker, kann der Wind plötzlich bis zum Talboden durchgreifen. Innerhalb kurzer Zeit steigen Temperatur und Wind an, die Luft wird trockener und die Sicht kann sich deutlich verbessern.

Genau dieser Wechsel macht Föhn für Verkehr und Bergsport anspruchsvoll. Wer am Morgen in einem noch ruhigen Tal startet, kann später ganz andere Windverhältnisse antreffen. Im Gebirge kommen zusätzlich Leewellen, Rotoren und starke Turbulenz hinzu.

Wo wird Föhn im Alltag problematisch?

Gefährlich ist nicht allein die Zahl auf dem Windmesser, sondern die Kombination aus Böigkeit, Gelände und Nutzung. Besonders aufmerksam sollte man auf offenen Brücken, Passstrassen, exponierten Autobahnabschnitten und in Talquerungen sein. Hohe Fahrzeuge, Lieferwagen, Wohnmobile, Anhänger und Motorräder reagieren deutlich empfindlicher auf Seitenwind als ein tiefer Personenwagen.

Auch lose Gegenstände auf Balkonen, Baustellenmaterial, Gartenmöbel oder schlecht befestigte Abdeckungen können bei kräftigem Föhn zum Problem werden. In Waldgebieten steigt bei starken Böen zudem die Gefahr durch herunterfallende Äste. Wer in die Berge fährt, sollte vor Touren die aktuellen Windprognosen sowie allfällige Betriebsinformationen von Bergbahnen prüfen.

Warum der Himmel bei Föhn oft spektakulär aussieht

Föhn erzeugt typische Wolkenformen. Dazu gehören linsenförmige Lenticularis-Wolken, die scheinbar stationär am Himmel stehen, obwohl die Luft mit hoher Geschwindigkeit hindurchströmt. Am Alpenkamm kann sich eine sogenannte Föhnmauer bilden. Im Lee entstehen teils wolkenfreie Bereiche, während weiter oben starke Wellen und Turbulenz vorhanden sind.

Das spektakuläre Erscheinungsbild darf deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Höhe eine sehr dynamische Strömung herrschen kann. Für die Bevölkerung im Tal bedeutet ein Föhntag nicht automatisch Gefahr – aber wenn die Druckunterschiede gross sind und die Strömung günstig in ein Tal greift, können sich die Bedingungen rasch verschärfen.

Amtliche Warnung und Föhnrisiko klar trennen

Ein kräftiger Föhn ist nicht automatisch eine amtliche Sturmwarnung. Für die eigene Planung zählen die aktuell gültigen Warnungen, regionale Windprognosen und lokale Messwerte. Der Föhn zeigt eindrücklich, warum Wetter in den Alpen auf wenigen Kilometern völlig unterschiedlich sein kann – und weshalb die konkrete Tal- und Höhenlage oft wichtiger ist als ein allgemeiner Schweizer Wetterbericht.